Felix Oberle

Herausforderungen, die ich bei jedem Rennen meistere

Wer mehrere Tage solo auf einem kurzen Segelboot den Atlantik meistert und einzig mit reduzierten Navigationsmitteln
den besten Weg entlang der Westküste Frankreichs bis über den Atlantik in die Karibik findet, der muss in aussergewöhnlich
vielen Bereichen eine Kapazität sein.

HERAUSFORDERUNG
SCHLAF

Meine Schlafexpert:innen
«Danke – meinen Expert:innen von der Barmelweid»     

«Nebst der Gewissheit, mich künftig gut zu erholen, eignete ich mir viel Wissen über Schlaf und meinen Schlaf-Rhythmus an.»

Mein Schlaf, oder anders gesagt mein Schlaf-Management, ist eine weitere grosse Herausforderung. Bei Schlafentzug fehlt dir irgendwann die Kraft – du triffst Fehlentscheide, dosierst deine Aktionen nicht mehr genau, bist plötzlich nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Kurz gesagt: Du bist am Limit.

Ich bin ein Mensch, der aus Sicherheitsgründen immer alles unter Kontrolle haben will. Eine Kollision mit einem anderen Schiff, mit nicht sichtbaren Felsen, dem Meeresgrund oder mit einem Wal kann das sofortige Renn-Aus und sogar Lebensgefahr bedeuten. Um möglichst gut zu performen, antizipiere ich Veränderungen von Wetter, Wind und Wellen ständig und antworte kontrolliert darauf.

Das Verlangen nach Schlaf lehrt mich, Kontrolle abzugeben. Ich habe es geschafft, mit einem absoluten Minimum an Schlaf meine Konzentration zu halten und meine Energie richtig einzuteilen. Um mein Optimum diesbezüglich zu erreichen, arbeite ich mit den Schlaf-Spezialist:innen an der aargauischen Klinik Barmelweid zusammen. Sie haben meinen Schlafzyklus getestet und analysiert.

Drei wichtige Tests an der Klinik Barmelweid:

Normalschlaf
Schlafentzug
Powernaps

NORMALSCHLAF
Ich musste einen standardisierten Fragebogen ausfüllen, um meinen Schlaftyp zu testen, und eine erste standardisierte Nacht in der Klinik verbringen, wo mein Normalschlaf getestet wurde. Da ging es um meine genaue Schlafzykluslänge und meine Schlafgewohnheiten. Anschliessend gab’s Reaktionstests, um meine Aufwach-Art und -Form zu testen.

SCHLAFENTZUG
‍Ich musste bis um 6 Uhr wach bleiben und dann schlafen, um meine Reaktion auf den Schlafentzug zu testen. Anschliessend wurde mittels Reaktionstests bis 15 Uhr ermittelt, wann ich wieder müde werde.

POWERNAPS
Eine Nacht lang simulierte Powernaps, dazwischen Wachphasen, um zu testen, wann ich gut schlafe, wann nicht und wieviele dieser Intervalle ich brauche, um optimal zu funktionieren.

Dank der tests weiss ich mehr
über meine biologische Uhr

Ich weiss heute, dass ich am besten funktioniere, wenn ich um Mitternacht vier bis fünf Stunden schlafe und dann nach dem Mittag von 13–15 Uhr wieder. Wobei ich zwischendurch kurz aufstehe und das Boot kontrolliere. Das ergibt ein Schlafpensum in Etappen, aber anders ist es nicht möglich.

Bei längeren Rennen, so ab drei Tage, benötige ich mindestens fünf Stunden kumulierte Schlafzeit. Ich performe besser, je länger und deshalb konstanter ich am Steuer sein kann. Auf der anderen Seite nimmt mit zunehmender Müdigkeit die Leistung ab. Hier ein Gleichgewicht zu finden, ist die Challenge. Das ist manchmal hart, oft eine grosse Herausforderung, aber immer eine Bereicherung, die mich nicht nur als Segler weiterbringt, sondern auch als Person.

HERAUSFORDERUNG
LOGISTIK

Meine Logistik-Expert:innen
«Ohne eure Unterstützung wäre ich heute noch im Hafen»     

«Damit ich am Renntag über die Startlinie fahren kann, braucht es von der Einschreibung als Teilnehmer bis zum Auffüllen der Wasserkanister unzählige Puzzleteile, die ich zusammensetze.»

Da wir jedoch jederzeit mit Materialbruch oder einer Kollision rechnen müssen und ein bestimmter Umfang an Sicherheitsausrüstung von der Rennleitung vorgeschrieben wird, ist die Optimierung des Materials ein zentrales Element des Erfolgs. Berechnet, abgestimmt und abgemessen wird alles, was den Weg an Bord schaffen will: Essen, Getränke, Notfallkits, WC-Papier.

Wer bei jedem Segelmanöver weniger Gewicht bewegen muss, spart eine erhebliche Menge an Energie. Bei Rennen, welche über zwei Wochen dauern, summieren sich diese einzelnen Zeit- und Kraftgewinne zu einer nicht unerheblichen Menge und können am Ende gar die Platzierung beeinflussen.
Mir ist es deshalb wichtig, mich bis ins Detail mit dem Material an Bord auseinandergesetzt zu haben. Das gibt mir die Sicherheit, optimal vorbereitet zu sein.

Gewichtsoptimierung – jedes Gramm zählt
Ein erfolgreicher Offshore-Segler meinte einmal: Ein Gegenstand, welcher nicht mindestens zwei Funktionen erfüllt, gehört nicht an Bord. Segelschiffe fahren schneller, wenn sie leichter sind. Mehr Gewicht bedeutet, dass das Boot tiefer im Wasser liegt und mehr Wasserwiderstand erzeugt. Daher ist der Regattasegler darauf erpicht, möglichst wenig Material mitzunehmen. So besteht mein A3–grosser Kartentisch aus einer zwei Millimeter dicken Karbonplatte, mit der ich im Notfall auch eine Bordwand reparieren kann. Und der Selfiestick taugt im Ernstfall auch als Rudergelenk.

HERAUSFORDERUNG
SEGELTECHNIK

Meine Segel-Trainer:innen
«Eure Erfahrung macht mich besser und souveräner.»     

«Segeln ist ein technischer Sport. Physik, Segelsetzung, Technik an Bord – mein Wissen darüber ist im Rennen so zentral wie die Fähigkeit, ein kaputtes Segel flicken und die Wunde an der Hand selber versorgen zu können.»

Im Vergleich zum olympischen Segeln geht es bei uns nicht um das perfekte Manöver oder den maximalen Speed. Die Kunst bei einer Hochseeregatta liegt darin, möglichst hohen Durchschnittsspeed über mehrere Tage zu generieren und ergonomische und sichere Manöver durchzuführen, die möglichst wenig Speed kosten.

In den Trainings vergleichen wir die Einstellungen der Segel, die Gewichtsverteilung und das Zusammenspiel mit dem Autopiloten. Ziel ist es, genau die Konfiguration zu finden, die möglichst wenig Energie fürs Segeln benötigt und ein schnelles Segeln, auch bei extremer Müdigkeit, erlaubt.

Dabei helfen Marker an den Tauen, um bei den verschiedenen Winkeln zum Wind und zur Windstärke möglichst schnell und effizient eine gute Segeleinstellung zu finden. Diese Marker geben mir die Sicherheit, in jedem Fall die Segel optimal zu setzen und eine funktionierende Basis zu haben.

Ich bin Maschinenbauingenieur und als Wissenschafter selbstverständlich an der technischen Seite meines Bootes interessiert. Ich weiss, wie, was und warum funktioniert. Wie mich selbst, versuche ich auch mein Boot ständig zu verbessern. Ich tüftle gern, sammle Daten, analysiere, werte aus.

Ich habe zu meinem Boot aber auch eine sehr emotionale Beziehung. Es ist mein wichtigster Partner. Mit ihm tausche ich mich aus, rede sogar mit ihm. Wir motivieren und vertrauen uns gegenseitig.

HERAUSFORDERUNG
ERNÄHRUNG

Mein Ernährungs-Spezialist: In welchem Wellental wäre ich ohne meinen Ernährungs-Spezialisten?    

«Nahrung ist nicht bloss Energie-Lieferantin. Geschmack, Konsistenz, Geruch, Aroma – alles beeinflusst die Stimmung. Gerade in meiner kleinen Nussschale auf dem Atlantik.»

Um bezüglich Ernährung und Energiehaushalt optimal aufgestellt zu sein, habe ich mir Tipps beim Ernährungsberater geholt. Auch den Essplan fürs Rennen stimme ich mit ihm ab. Die tägliche Essensration wird in Säcke abgefüllt. Auf meinem Menüplan stehen: Gefriergetrocknetes, Sardinen, Oliven, Früchte, Apfelmus, Energieriegel, schwarze Schokolade und Schoggi-M&Ms für die Psyche.


Ich esse drei warme Mahlzeiten pro Tag in Form von gefriergetrockneter Nahrung, die ich mit heissem Wasser aus einem Wasserkocher, dem sogenannten Jetboil übergiesse. Da ich auf See relativ viel Energie verbrauche, fülle ich meine Speicher täglich mit 5000 – 6000 Kalorien. An Land ist mein Energieverbrauch deutlich geringer, da ich natürlich auch mehr schlafe.

Auf See ist es zentral, so zu essen, dass das Energie-Level über den ganzen Tag möglichst konstant gehalten werden kann. Mir helfen dabei vor allem die getrockneten Früchte-Nuss-Mischungen, also Tutti-Frutti.

HERAUSFORDERUNG
FITNESS

Meine Fitness-Expert:innen
«Dies verdanke ich euren spezifischen Trainings und dem Team vom Balgrist.»     

«Auch wenn die ‹Auslaufmöglichkeiten› auf einem Schiff begrenzt sind, sind eine gute Fitness und die Rumpfstabilität zentrale Voraussetzungen, um die auf dem Schiff wirkenden Kräfte zu meistern und auch nach mehreren Tagen das letzte Manöver noch sauber zu fahren..»

Zusammen mit der Zürcher Universitätsklinik Balgrist habe ich mehrmals eine Standortbestimmung vorgenommen, um bezüglich Fitness meine Zustand zu kennen.

Oberste Priorität hat dabei, eine gute Grundausdauer zu erlangen, um auch bei länger anhaltenden und komplexen Bedingungen physisch fit zu sein. Ein stabiler Rumpf ist unerlässlich, um die Bewegungen und Schläge durch die Wellen zu kompensieren. Während des Rennens nimmt die physische Fitness ab, durch Schlafentzug und die reduzierten Bewegungsmöglichkeiten im Boot. Gute Fitness hilft, auch in der finalen Phase des Rennens noch über genügend Reserven zu verfügen.

In Lorient trainiere ich in einer Gruppe: zweimal Kraft/Koordination/Kardio, zweimal Schwimmen pro Woche. Vor wichtigen Rennen kompletiere ich meine Trainings durch einen spezialisierten Privattrainer.

HERAUSFORDERUNG
WETTER

Mein Meteoexperte
«Seine Erfahrungen helfen mir, schneller ins Ziel zu kommen.»     

«Für mich waren es zuerst Wolken über mir, meistens malerisch, manchmal dunkel. Heute sind sie Teil meiner Strategie auf dem Schachbrett Ozean.»

Unterwegs befasse ich mich nur mit dem Zyklus der Natur: Tag, Nacht, mit dem Wind, wie er stärker wird und schwächer. Das ist mein Rhythmus.

Vor den Gewittern habe ich Respekt, aber keine Angst. Auf dem Schiff fühle ich mich sicher. Einmal hat sich innerhalb einer Viertelstunde eine schwarze Wand vor mir aufgebaut. Man hat nur wenig Zeit zur Verfügung, um zu entscheiden, ob man die Segel birgt – da vertraue ich auf meine antrainierte Intuition.

Beim Figaro-Segeln sind Mobile- oder Satellitentelefon an Bord verboten. Ich habe lediglich ein GPS, Seekarten, ein Funkgerät mit einem Funkradius von 40 km und vor dem Start geladene Wetterdaten an Bord. Mit diesen Informationen aktualisiere ich meine Strategie auf See und nutze zur zeitlichen und örtlichen Orientierung klassische Hilfsmittel. Das sind zum Beispiel:

Barometer
Bestimmte Wetterphänomene haben ihren typischen Druckverlauf, wenn sie über dich hinwegziehen. Der aktuelle Druck kann auch helfen, sich im Wettersystem zu orientieren.

Wolkenlesen
Jedes System hat sein assoziiertes Wolkenbild, je nach Ort, Windgeschwindigkeit und Richtungsverlauf.

Uhrzeit
Bestimmte Wetterphänomene haben ihren Tag- und Nacht-Rhythmus, welcher sich auf bestimmte Uhrzeiten festlegen lässt.

Den Grossteil der Wetteranalyse mache ich also vor dem Start. Sogenannte Routing Tools helfen, in Kombination mit den Wettermodellen und den Entscheidungshilfen eines Meteorologen, die optimale Route zu berechnen. Ich überlege mir deshalb verschiedene Strategien für mögliche Szenarien, damit ich dann in den entsprechenden Situationen schnell entscheiden kann.

 

Um ein Rennen zu gewinnen, ist Ankommen die Grundvoraussetzung. Daher ist es entscheidend, die Wettersituation richtig einzuschätzen, in gewissen Situationen zu bremsen, um das Boot nicht zu stark zu beanspruchen. Müde und unter Renndruck die richtige Dosierung zu finden, ist anspruchsvoll.

 

Der Umgang mit Stresssituationen ist eine grosse Herausforderung: Es ist wichtig, immer so schnell wie möglich wieder in den Rennrhythmus zurückzufinden.

HERAUSFORDERUNG
MENTALE STÄRKE

     

Meine Mentaltrainerin
«Sie hilft mir enorm»     

«Zum ersten Treffen kam ich mit einer sehr wissenschaft-lichen Vorstellung und abstrakten Erwartungen. Tatsächlich gelernt habe ich praktische Anwendungen für alle meine Lebensbereiche, etwa das Timing bei Ernährung und den Umgang mit Beziehungen.»

Grundsätzlich geniesse ich das selbst gewählte Alleinsein im Boot. Ich schlafe, segle oder esse. Mehr nicht. Doch Rennstress und Schlafentzug bringen mich in Situationen, in denen ich Entscheide unter grosser psychischer und physischer Belastung treffe. Darauf bereite ich mich mit meiner Mentaltrainerin vor. In der Schweiz vor Ort, in der Bretagne via Video.

Durch sie lerne ich mich besser kennen. Weiss, in welchem Zustand ich welche Entscheide treffen kann oder was ich dazu brauche. Sie lehrt mich Strategien, wie ich mein emotionales Gleichgewicht auf den Atlantik-Solo-Läufen über Tage und Wochen bewahren kann. Sie zeigt mir Tools, die mir helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Diese Strategien nutze ich in den Rennen und sie helfen mir auch im Alltag.

Ich segle heute um einiges präziser als früher, kann meinen Entscheidungen und meiner gewählten Strategie besser vertrauen, konzentriere mich voll und ganz aufs Hier und Jetzt und habe die maximal mögliche Kontrolle über mich und mein Boot.

Während eines Rennens bin ich vor verschiedene Herausforderungen gestellt. Meine Aufgabe ist es, Lösungen dafür zu finden. Deshalb überlege ich mir bereits im Vorfeld des Rennens verschiedene Strategien für mögliche Szenarien, um dann im Bedarfsfall schnell entscheiden zu können. Ist das Problem dann gelöst, gilt es, rasch wieder den Rennrhythmus zu finden. Der Umgang mit Stresssituationen ist deshalb essenziell und wohl die grösste Herausforderung.

Wie kann ich strategische Risiken abwägen?
Wie setze ich mich mit Notfällen auseinander: Wann bin ich im Rennen,
wann geht es um Leben und Tod?
Wie antizipiere ich diese Situation?
Wie gehe ich mit Materialversagen um?
Wie lasse ich mich trotz Enttäuschung bei Ermüdung nicht demotivieren?
Welche Tools habe ich, um wieder aus den Tiefs zu kommen oder
besser gar nicht in Tiefs zu fallen trotz herber Rückschläge?
Wie gehe ich mit dem Alleinsein um?